Für 50 Euro hätten wir mehr gesehen. Den schönen großen Garten und sogar den Protagonisten selbst, Horst-Gregorio Canellas. 50 Euro nicht als Eintrittsgage, sondern für einen Mitschnitt aus dem HR-Programm. Zum Jubiläum der Bundesliga war der Hessische Rundfunk in Obertshausen-Hausen, um auf dem früheren Grund und Boden des Obsthändlers Canellas zu filmen.

Der Fußball ist nicht die Oase oder gar die Gedächtniskirche der Gesellschaft.

Herthas ehemaliger Präsident Wolfgang Holst

Das berichtet uns die freundliche, heutige Besitzerin des Hauses. Sie und ihr Mann, der Selfmade-Millionär Hans-Günther Zach, kannten Canellas, „der dann ja nach Spanien ausgewandert ist“, wie sie uns erzählt. Die Dame empfängt uns sichtlich skeptisch vor dem vornehmen Haus. Die Fenster sind mit Gittern versehen, Löwen bilden den Empfang am Eingangstor und passend zum Straßennamen verzieren Rosen den Zaun. Wenn man hier mit fremdem Kennzeichen vorfährt, vermutet man keine Fußballfans, sondern ungebetene Gäste. Der Stadtteil von Obertshausen ist gut betucht und die Vorsicht vor Neppern, Schleppern oder Bauernfängern berechtigt.

Gekaufte Tore - Titel des Spiegels

Gekaufte Tore – Titel des Spiegel-Magazins aus dem Jahr 1971

Dass hier einer der größten, wenn nicht der größte Skandal der Bundesliga-Geschichte aufgedeckt wurde, ist so weit weg wie lange her. Am 6. Juni 1971 hatte Canellas anlässlich seines 50. Jubeltags zu einer Feier eingeladen und ließ die Bombe platzen. Auf einem Telefunken 204 TS Magnetophon spielte der Präsident der Offenbacher Kickers in seinem Garten Tonbänder ab, die belegten, dass die Abstiegsfrage keine von sportlichen Leistungen sein muss. 18 Spiele wurden in der Endphase der Saison 1970/1971 verschoben, 10 Vereine und 60 Spieler waren involviert – mindestens. Dass es noch mehr gewesen sein können, deutet 40 Jahre später Manfred Manglitz an. Der Torhüter stand damals für den 1. FC Köln zwischen den Pfosten und lässt in Ronald Rengs „Spieltage“ durchblicken, dass er nicht der einzig Geschmierte bei den Geißböcken war, wohl aber der einzig Verurteilte.

Schiebereien waren im deutschen Spitzenfußball (…) »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« schon viel früher in einem nicht minder beträchtlichen Ausmaß vorgekommen.

Aus »Samstags um halb 4 – Die Geschichte der Fußballbundesliga«

Von Schalke 04 wurden dreizehn Spieler gesperrt, darunter Nationalspieler wie Libuda, Rüssmann und Fichtel, bei Hertha BSC Berlin waren es sogar fünfzehn. Viele Sperren wurden lebenslänglich verhängt, später aber wieder aufgehoben. Neben Schalke, Hertha und Köln waren noch Arminia Bielefeld (die später in die Regionalliga zwangsversetzt wurden), Kickers Offenbach, Eintracht Braunschweig, der VfB Stuttgart, Rot-Weiß Oberhausen, Eintracht Frankfurt und der MSV Duisburg betroffen. Dass im Abstiegskampf einzig Rot-Weiss Essen als Tabellenletzter nicht mit Geld, sondern mit dem Gang in die zweite Liga bezahlte, ist eine Tragikomödie. Auch Canellas wurde gesperrt, obwohl er maßgeblich daran beteiligt war, dass der Skandal aufgedeckt wurde. Noch erstaunlicher war, dass der DFB die Ergebnisse aller nachweislich „verkauften“ Spiele nicht etwa annullierte, sondern ganz regulär für die Bundesligastatistik wertete.

In den Spielzeiten 1971/72 und 1972/73 gingen die Zuschauerzahlen als Folge des Skandals deutlich zurück, spätestens mit der WM 1974 im eigenen Land strömten die Besucher aber wieder in die Stadien. Als die letzten Sperren im Februar 1976 verhängt wurden, hatte sich die Bundesliga längst von der Sache erholt. Im selben Jahr wurde auch Horst-Gregorio Canellas begnadigt, geriet aber kurze Zeit später wieder in die Schlagzeilen. Zusammen mit seiner Tochter saß er in der „Landshut“, die im Zuge der Schleyer-Entführung gekidnappt und durch die GSG9 in Mogadischu befreit wurde. Canellas Aussage dazu lässt vieles erahnen: „Der Skandal war schlimmer, viel schlimmer. Mogadischu hatte noch menschliche Züge.“

Anschrift: Rosenstraße 19, 63179 Obertshausen

Wer den Bundesliga-Skandal nacherleben möchte, der sollte nicht nach Obertshausen fahren. Da man den Garten nicht einsehen kann und das Haus seither umgestaltet wurde (u. a. mit einem Anbau), macht der Besuch wenig Sinn. Mit dem Landgericht Essen oder dem „Bonner Verteiler“ in Köln (dem Ort, an dem die Geldübergabe von Manglitz und Canellas stattgefunden hat) gibt es durchaus Alternativen.