Fußball-Sammlerbörse, Erftstadt

Sein Blick ist konzentriert, der Schritt ist stramm. Man kann an jeder Faser seines Körpers erkennen: Es geht heute darum, den entscheidenden Treffer zu landen. Als wäre er Andi Möller im Halbfinale 1996 gegen England. Oder Jonas Hector im Viertelfinale 2016 gegen Italien. Aber der Mann geht nicht zum Elfmeterpunkt. Er ist auf dem Weg in die Schulsporthalle Erftstadt. Er wird sich über Möllers und Hectors Heldentaten gefreut haben, sonst wäre er nicht zu Gast bei einer Fußballsammlerbörse. Seine entscheidenden Treffer möchte er aber bei Pins, Bergmann-Bildern oder einem der anderen Sammelgebiete landen.

Man neigt zu sagen: Hier in Erftstadt findet man alles rund um das Thema Fußball: Fähnchen aus Plastik, die man früher an der Schießbude auf der Kirmes ergattern konnte. Wimpel, tausende von jedem Verein. Autogramme, Trikots, Stadionpostkarten, Maskottchen. Aber ganz so ist es nicht. Die von mir gesuchte Magnettabelle werde ich an diesem trüben Sonntag im November nicht finden. Aber ich werde Leute kennenlernen, die mir vielleicht helfen können.

Verrückt ist, wer in seiner eigenen Welt lebt. Wie die Schizophrenen, die Psychopathen, die Manischen. Oder besser gesagt, Menschen, die anders sind.

Aus Paulo Coelhos »Veronika beschließt zu sterben«

Natürlich sind das in erster Linie Männer. Die Biertheken auf der Kirmes werden mittlerweile von Frauen erobert. Öffentliche Toiletten werden via Aufkleber gleichgeschlechtlich gemacht. Aber hier in Erftstadt wird nicht gegendert. Frauen dürfen assistieren, sie dürfen begleiten, aber die große Bühne gehört dem Mann und seiner Sammelleidenschaft. Und die ist bei vielen nah am Wahnsinn. An einem Stand hat sich ein Autogrammjäger breit gemacht, er gleicht den Bestand des Verkäufers penibel mit seinem eigenen ab. Dafür hat er seinen Laptop aufgeklappt, starrt manisch auf den Bildschirm und hat die Welt um sich herum längst vergessen. Am Ende des Tages werden rund 1 000 Sammler hier gewesen sein, die bei 100 Ausstellern eingekauft haben. Genaue Zahlen hat man nicht, der Eintritt ist frei.

Seit 2005 gibt es die Sammlerbörse in Erftstadt-Lechenich, initiiert hat sie Siegfried Holzheimer. Der gebürtige Augsburger wohnt seit 1974 in Erftstadt und ist selbst Sammler: „Ich bin bei einer Börse im Offenbacher Raum angesprochen worden, dass so eine Veranstaltung im Kölner Raum fehle“, erläutert er dem Kölner Stadtanzeiger 2012 in einem Bericht. Holzheimer machte sich an die Arbeit, suchte Sponsoren und schrieb Fußballer an. Es hat sich gelohnt: Die Ausstellungsfläche wurde mittlerweile von der Schulaula auf die Sporthalle ausgeweitet, die Sammlerbörse in Erftstadt ist die größte Europas. Ihren Stellenwert erkennt man auch an den Autokennzeichen rund um das Schulgelände, die Sammler reisen sogar aus Berlin und dem Ausland an, Italien, Polen und Rumänien sind vertreten, die Nachbarn aus Holland natürlich auch. In Erftstadt soll es zur Sammlerbörsen-Zeit kein freies Hotelzimmer mehr geben, „alles belegt bis rauf nach Brühl“, sagt Holzheimer der 11 Freunde.

Autogrammstunde ab 12 Uhr mittags

Die zwei Helden des heutigen Tages sind darauf nicht angewiesen, sie reisen mit dem Auto an. Erwin und Helmut Kremers sind die Stargäste, pünktlich um 12 Uhr betreten sie die Bühne und schreiben Autogramme. Die Security passt darauf auf, dass es maximal drei Stück sind, dann ist der Nächste an der Reihe. Die Altstars sind die Kirsche auf der Sahne, im Jahr davor war Sepp Maier hier, Uwe Seeler und Karl-Heinz Schnellinger waren auch schon da.

Wir holen uns keine Autogramme von den Kremers-Zwillingen, blank gehen wir trotzdem nicht nach Hause: Wir kaufen zwei Plastikfähnchen als Reminiszenz an die Kindheit, sie kosten zusammen zwei Euro. Dem Verkäufer tut das auch nicht weh, jetzt hat er noch immer weit über 1 000 Stück. Weitaus interessanter ist die E-Mail-Adresse von Thomas, der zwar keine Magnettabellen dabei hat, aber selbst mal welche gesammelt hat. Ich werde ihn in den nächsten Tagen kontaktieren und dann werden wir sehen, ob er die von 4711 hat, die ich schon so lange suche. Wenn nicht, dann bin ich nächstes Jahr halt wieder hier.

Anschrift: Schul- und Sportzentrum Lechenich, Dr. Josef-Fieger-Straße 7, 50374 Erftstadt-Lechenich

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