Dass der 24. Juni 1990 ein Sonntag war, muss ich nicht im Kalender nachsehen. Ich kann mich an diesen Tag ebenso gut erinnern wie an den 11. September 2001, der auf einen Dienstag fiel. Im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion begegneten sich an diesem 24. Juni 1990 die Nationalmannschaften von Deutschland und den Niederlanden. Für mich als Zehnjähriger endete die Partie nach einer Halbzeit, weil ich danach ins Bett musste. Aber diese eine Halbzeit war die intensivste, die ich jemals bei einem Fußballspiel sah. Vielleicht lag das an meiner Wahrnehmung, die als Kind noch eine andere gewesen sein mag. Bis heute weiß ich: Das Wohnzimmer brannte. Und ich tat es auch.

Dass es nicht allein um den Einzug ins Viertelfinale einer WM ging, kann man an Jan Wouters‘ Worten erkennen. Der frühere Mittelfeldspieler stand gegen Deutschland auf dem Feld und spricht in dem Buch Kicken beim Feind? darüber, dass man in den Niederlanden „ein antideutsches Gefühl mit auf den Weg“ bekam. Wouters wurde 1960 geboren. Kurz vor seinem 14. Geburtstag sah er 1974 den 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die favorisierten Holländer, einen Triumph von „kühlem Pragmatismus und opferbereiter Kampfeslust“ (11 Freunde) gegen den atemberaubenden Voetball Totaal.

Einer, der diesen Fußball zelebrierte, war Willem van Hanegem. Van Hanegem bekundete im Vorfeld des 74er-Endspiels: „Ich würde es bis an mein Lebensende nicht verwinden, wenn wir es nicht schafften, zu verhindern, dass sie später grölen könnten, sie seien Weltmeister – und wir nicht.“ Er nannte damit die „Hintergründe, die jeder kennt und die noch nicht vergangen sind“: Van Hanegem verlor im Zweiten Weltkrieg seinen Vater und drei Geschwister.

Die hassen uns so viel mehr, als wir sie hassen.

Karl-Heinz Förster

Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Finalniederlage die Wunden offen legte, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte. Bis 1974 gab es durchaus positive Beispiele niederländisch-deutscher Fußballkultur: Frans de Munck stand von 1950 bis 1954 beim 1. FC Köln zwischen den Pfosten, Helmut Rahn erzielte zwischen 1960 und 1963 39 Tore für Enschede, Horst Blankenburg erlebte seine besten Jahre Anfang der Siebziger bei Ajax Amsterdam. Das Endspiel von 1974 leitete eine Epoche ein, in der die Fußballspiele zwischen beiden Nationen von tiefem Hass geprägt waren. Das war die Intensität, die bis ins Wohnzimmer brannte.

Man konnte sie schon 1988 spüren: Die Niederlande wurden in München Europameister und schalteten Deutschland im Halbfinale aus. Marco van Basten sprach danach von einem „wunderbaren Gefühl, besonders, weil wir auf dem Weg ins Finale diese widerwärtigen Deutschen rausgeworfen haben.“

Politisch und wirtschaftlich bin ich Europäer. Aber im Sport will ich den Deutschen sehen.

Berti Vogts

Als sich am 24. Juni 1990 im Achtelfinale die Niederlande und Deutschland gegenüber standen, da ging es um Wiedergutmachung. Es ging um die Leiden im Zweiten Weltkrieg. Um die unberechtigte Finalniederlage von 1974. Und auf der anderen Seite um das Aus im Halbfinale von 1988. Dass die Spieler unter einem Druck standen, der sich bei Frank Rijkaard in einer Spuckattacke entlud, ist unter diesen Bedingungen nachvollziehbar. Jürgen Klinsmann beflügelte dieser Druck zu einer Leistung, die Franz Beckenbauer mit dem pädagogischen Taktstock so kommentierte: „Der Jürgen Klinsmann hat heute über seinen Verhältnissen gespielt.“ Nach einem 0:0 zur Pause zog Deutschland durch Klinsmanns Treffer und den von Brehme mit einem 2:1-Sieg ins Viertelfinale ein.

Für deutsche und holländische Fans war das Spiel an dieser Stelle noch nicht beendet. In einer dritten Halbzeit lieferten „sich 3 000 deutsche und holländische Fußball-Rowdies am Grenzübergang Herzogenrath bei Aachen eine blutige Straßenschlacht“. Warum die 11 Freunde-Redaktion den imaginären Gedenkstein um 20 Kilometer in Richtung Süden nach Vaals verlegt hat, kann heute niemand mehr beantworten. Eigentlich ist es auch egal. Die Schlägereien, die früher nach Länderspielen Tradition hatten, gehören der Vergangenheit an. Das liegt an einem Abkommen zwischen KNVB und DFB aus dem Juli 1995, der Globalisierung und sicherlich auch daran, dass Deutschland lange Zeit kein Konkurrent mehr für die Niederlande war. So wie es heute umgekehrt der Fall ist.

Anschrift: Vaalser Straße / Ecke Grensstraat, wo die Maastrichterlaan beginnt, 52064

Mahnmal der Fußballrivalität Aachen

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