Ohne „Das große Buch der deutschen Fußballstadien“ wird es bei Berichten rund um die heiligen Plätze verzwickt. Ist ein Stadion nicht verewigt, wird die Recherche oft zu einem Länderspiel unter Rudi Völler. Dann ist von einem 1:5 gegen Rumänien bis zum WM-Finale alles drin. Dass es beim Robert Kölsch-Stadion sogar für den Titel reicht, ist der Hilfsbereitschaft des VfR Bürstadt zu verdanken. Einem Verein, der seine beste Zeit in den siebziger und achtziger Jahren hatte und sogar bis in die 2. Bundesliga vorstoßen konnte.

Der Erfolg hatte viele Väter, unter anderem das Engagement der Firma Otto Limburg. So lief der VfR von 1973 bis 1982 als VfR OLI Bürstadt auf. Ein anderer Erfolgsgarant war der Gönner Robert Kölsch, der „rund um die Uhr zur Verfügung“ stand und „dessen Mercedes man täglich im Stadion sehen“ konnte, wie die VfR-Chronik aus dem Jahr 2000 berichtet. Bereits zehn Jahre zuvor wurde das Stadion zu Ehren des Mäzens in Robert Kölsch-Stadion umgetauft. Robert Kölsch starb 2010 im Alter von 95 Jahren, wenige Tage nach der 100-Jahr-Feier des Vereins.

„Sein besonderes Anliegen war das Stadion mit dem zentralen Mittelpunkt einer besonders gepflegten Rasenfläche“, heißt es in der Chronik. Das Buch zeigt ein Bild aus den 50er-Jahren und einen einfachen umzäunten Platz mit „einer Rasenfläche mit vielen lichten Stellen“. Bereits 1911 hatte man das Gelände am Weiher gepachtet, in den Jahren 1923 bis 1924 den Waldsportplatz erstellt. Vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet wurde er ab 1946 wieder auf- und ausgebaut und 1948 mit einem Spiel gegen Waldhof Mannheim eingeweiht. Obwohl auch in den darauffolgenden Jahren vom Vereinsheim über die Lautsprecher bis hin zum Ausbau der Stehränge permanent an der Anlage gefeilt wurde, erlebte sie ihre beste Zeit in den Siebzigern: Aus dem Waldsportplatz wurde das Waldstadion.

Die Tribüne ächzt unter ihrem rustikalen Charme, die Torpfosten sind ähnlich vergilbt wie die Mannschaftsfotos im Vereinsheim.

»11Freunde.de«

Die 850 Zuschauer fassende Haupttribüne wurde 1973 für insgesamt 330 000 Mark errichtet, sie ist einer der Gründe dafür, dass heute sogar Groundhopper aus England an die Bergstraße kommen. Ein anderer ist die manuelle, „herzzerreißende“ (11 Freunde) Anzeigetafel, die 1975 von einem örtlichen Uhren- und Schmuckfachhändler gestiftet wurde.

Das Gros des Stadions beruht aber auf dem ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder. Als der Hauptsponsor OLI schon lange Konkurs angemeldet hatte, entstand 1985 in Eigenarbeit eine Sprecherkabine für Rundfunk- und Fernsehreporter. In den Folgejahren wurde eine „Rentnergruppe“ gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, Reparaturen, Pflegearbeiten und bauliche Ergänzungen zu erledigen. Die Arbeit wurde belohnt, 1999 kamen 6 000 Besucher zum Jugendländerspiel zwischen Deutschland und Portugal nach Bürstadt. Kurz nach der Jahrtausendwende kam der VfR Bürstadt aufgrund alter Verbindlichkeiten nicht um den Verkauf der Anlage an die Stadt herum. 2007 stand der Verein nach einer Nachforderung der BfA erneut kurz vor dem Konkurs, konnte sich aber durch einen Vergleich retten. 2010 feierte der Klub sein hundertjähriges Jubiläum.

Heute ist von dem großen Glanz der früheren Jahre nicht mehr viel da. Die Firmen auf den Werbebanden haben mitunter noch vierstellige Postleitzahlen, die Steinstufen sind rissig und das alles ist für einen Sechstligisten eigentlich viel zu groß. Zuschauerzahlen um die 10 000, wie 1970 zum Freundschaftsspiel gegen die Bayern oder in den Aufstiegsspielen zur 2. Bundesliga, sind utopisch. Normal kommen um die 200, kürzlich waren es mal über 650, als Mario Basler mit einem Trainerengagement in der 15 000-Einwohner-Stadt liebäugelte.

Dafür zieht das Robert Kölsch-Stadion mit seiner ganz eigenen Schönheit Groundhopper aus ganz Europa ins Südhessische. Und hat allein deshalb einen Platz im „großen Buch der deutschen Fußballstadien“ verdient. Noch, muss man hinzufügen: Im Juni 2018 wurde von den Mitgliedern des zuständigen Umwelt- und Stadtentwicklungsausschusses der Abriss der Tribüne beschlossen.

Anschrift: Nibelungenstraße 199, 68642 Bürstadt

Die Tribüne des Robert-Kölsch-Stadions wurde im Juli 2019 abgerissen, das Stadion wird einer modernen Anlage weichen

Robert Kölsch Stadion Bürstadt

Robert Kölsch Stadion Bürstadt

Robert Kölsch Stadion Bürstadt

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Robert Kölsch Stadion Bürstadt

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Robert Kölsch Stadion Bürstadt

Robert Kölsch Stadion Bürstadt

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Robert Kölsch Stadion Bürstadt

Robert Kölsch Stadion Bürstadt

Robert Kölsch Stadion Bürstadt