Es ist eine Geschichte, die am besten in die späten siebziger oder frühen achtziger Jahre passt. Wie die vom „dicken Hans“. Der hatte in meinem Heimatdorf mit seiner KFZ-Werkstatt und dem Handel mit Autos die schnelle Mark gemacht. Gerne erzählt man heute noch, wie der dicke Hans in der Dorfkneipe 5 DM-Stücke durch die Gegend warf und das Münzgeld als „Vorlegscheiben“ bezeichnete. Am Ende stolperte der dicke Hans über seine Großmannssucht und das ganze Dorf hatte es vorher gewusst. Genau genommen hat auch die folgende Erzählung ihren Ursprung in den achtziger Jahren. Manchmal sind es nur die Erinnerungen, die geblieben sind, im oberfränkischen Weismain ist es ein Stadion, das oberhalb der rund 5 000 Einwohner-Stadt thront. Dass es die heutigen Dimensionen hat – ein Fassungsvermögen von 18 000 Plätzen – ist Alois Dechant zu verdanken.

Von 1985 bis 1995 hatte sich der SC Weismain zehn Jahre in der Landesliga etabliert. Gespielt wurde damals schon auf dem Platz an der Baiersdorfer Straße, der seit 1945 erst als Sportplatz und ab 1968 als Waldstadion die Heimat der Weismainer Fußballer war. 1995 gelang der langersehnte Aufstieg in die Bayernliga, gefolgt vom Durchmarsch in die (damals) drittklassige Regionalliga.

Der Erfolg hatte auf dem Feld viele Namen, Frank Kramer (später u. a. Trainer in Fürth und Düsseldorf), Armin Eck (unter anderem Bayern München) oder Joe Zinnbauer (später Trainer beim Hamburger SV) sind wohl die bekanntesten. Der „König von Weismain“ (Infranken.de) war aber Alois Dechant, Baulöwe und Mäzen des SC Weismain. Der hatte das Unternehmen von seinem Vater übernommen, baute am Berliner Reichstag mit und beschäftigte um die Jahrtausendwende 1 800 Mitarbeiter.

Insbesondere an der Vita des Stadions kann man Dechants Investitionen und die (viel zu) schnelle Entwicklung des SC Weismain festmachen. Einer kleinen 480-Mann-Tribüne zu Landesligazeiten folgte eine überdachte Stehplatztribüne, die mit dem Aufstieg in die Regionalliga – also binnen eines Jahres – auf 9 000 Plätze erweitert wurde. Zeitgleich wurde die Ostseite des Stadions um neun Betonstufenreihen ergänzt, sodass 10 000 Besucher ins Waldstadion passten und Weismain 1996 erstmals Austragungsort eines U16-Länderspiels wurde.

Ich habe damals für den Stadionbau zwei Lebensversicherungen eingebracht.

Alois Dechant auf »Infranken.de«

Sein Alleinstellungsmerkmal hat das Stadion durch 18(!) weitere Stehplatzränge erreicht, die aus Sandsteinrohlingen bestehen und die es für Hardy Grüne zu einem „der atemberaubendsten Stadien des Landes“ machen. Der ganze Wahnsinn wird deutlich, wenn man bedenkt, dass diese Sandsteintribüne für ein einziges Spiel geschaffen wurde: Das Serienspiel gegen den damals ebenfalls drittklassigen 1. FC Nürnberg. Auch die Erweiterung der Südtribüne und die Flutlichtanlage waren bis zum 12. April 1997 fertig. Die 0:2-Niederlage gegen den späteren Meister sahen 18 000 Menschen, „vielleicht auch mehr“, wie das Obermain-Tagblatt spekulierte.

Durch magische Spiele unter Flutlicht am Freitagabend und Siege über Darmstadt 98, Hessen Kassel oder den FC Augsburg schloss der SCW die Saison als Tabellenzehnter ab. Zwei Jahre später stieg der Verein wieder aus der Regionalliga ab.

So schnell wie es nach oben ging, ging es auch wieder in die andere Richtung. Nach mehreren Abstiegen in Folge meldete der Verein in der Saison 2003/2004 Insolvenz an, vier Jahre nachdem auch Dechant mit seiner Firma zahlungsunfähig wurde. „Zahlungsverzögerungen beim Großprojekt Reichstag und Verluste von 272 Millionen Mark durch insolvente Bauträger-Firmen überstiegen die Leistungsfähigkeit des Familienunternehmens“, wie das Obermain-Tagblatt schreibt. Beim SC Weismain hatte man dagegen einfach über den Verhältnissen gelebt.

Dechant gelang mit seinen beiden Söhnen und einer neuen Baufirma eine Wiederauferstehung. Er ist heute Träger des Bundesverdienstkreuzes, hat das Ehrenbürgerrecht der Stadt Weismain inne und ist Magistrat der Universität von Lemberg. Den Traum vom großen Fußball in seiner Stadt hat er schon seit einigen Jahren begraben, 2012 sagte er Infranken.de: „Ich gebe so langsam auf, denn ich bräuchte ein paar handfeste Mitkämpfer. Die Idee einer Oberfranken-Elf, die in der 3. Liga spielt, ließ sich leider nicht verwirklichen.“ In Bayreuth und Hof ist man darüber alles andere als unglücklich, die beiden Traditionsvereine sind sich spinnefeind. Um es so zu sagen: Wer könnte sich schon eine Ruhrgebietself aus Schalke und Dortmund vorstellen?

Die SpVgg Bayreuth trägt den Zusatz „Oberfranken“ trotzdem im Vereinsnamen, einige Heimspiele trägt man in Weismain aus – ein Entgegenkommen an den Sponsor Alois Dechant. So wird das Stadion, das mit in die Konkursmasse floss und bis zum Rückkauf der Familie Dechant von einer Kanzlei verwaltet wurde, heute noch genutzt. Auch die „neuen“ Weismainer Fußballer des SCW Obermain laufen im Waldstadion auf, allerdings nur noch unterklassig und vor einigen wenigen Zuschauern.

Anschrift: Baiersdorfer Straße 11, 96260 Weismain

Waldstadion Weismain

Waldstadion Weismain

Waldstadion Weismain

Waldstadion Weismain

Waldstadion Weismain

Waldstadion Weismain