Im Alter von neun Jahren wurde ich Effzeh-Fan. Wir hatten Familienbesuch aus Bochum und der coole weil schon 13-jährige Oliver war auch Fan des 1. FC Köln. Der lustige Ziegenbock, Nationalspieler wie Littbarski und Häßler und die Positionierung in der Spitzengruppe sprachen für eine schlüssige Wahl. Ich opportunierte.

Seither ist der Verein mit einem Fluch belegt. Die Meisterschaft 1989 ging trotz der Daumschen Sportstudio Peinlichkeit an die Bayern. Einige Monate später wurde Daum während der WM 1990 entlassen. Kohler, Olsen und Allofs gingen. Rico Steinmann und Henri Fuchs kamen. Der einzige echte Hoffnungsschimmer – Maurice Banach – verstarb bei einem Autounfall. Um es jenseits aller Auf- und Abstiege abzukürzen: Zwischenzeitlich stand mit Stefan Wessels ein Keeper im Tor, der aussah wie James Blunt. Und auch so gehalten hat.

Als der 1. FC Köln im Mai 1998 zum ersten Mal die 1. Bundesliga verlassen musste, belegte der VfL Wolfsburg Rang 14 – in seiner ersten Bundesligasaison. Mit kurzen Ausnahmen spielte der VfL seit jeher in der Oberliga Nord und ab 1992 in der 2. Bundesliga, ehe 1997 mit Roy Präger und Holger Ballwanz der Aufstieg gelang.

Entsprechend kurz fällt die Museumstour beim VfL Wolfsburg aus. Man geht einmal um die Ecke und hat die komplette Geschichte durch. Die legendäre „Farkas Taktiktafel“: Ein Nachbau. Der Wimpel vom Spiel gegen Santos aus dem Jahr 1961: Eine Leihgabe. Dazu ein Madame-Tussauds-Josue in Wachs, der die Meisterschale von 2009 in die Höhe reckt.

Wolfsburg gehört zu den jüngsten Städten der Republik und wurde als Wohnort für die Mitarbeiter des Volkswagenwerks konzipiert. Bis 1945 trug die Stadt den Namen »Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben«.

Es hat also viel Fantasie erfordert, als man im Süd-Osten Niedersachsens eine Gruppe tapferer junger Museumspädagogen damit beauftragte, dem „Projekt Museum“ Leben einzuhauchen. Dabei herausgekommen ist die „Fußballwelt“, die mit der Zeit gegangen ist – für einen Verein, in dem noch nicht viel Zeit vergangen ist.

Hat man den Museumspart erst einmal hinter sich gebracht hat, geht es erst richtig los. Mit einem Festivalarmbändchen loggt man sich ein und startet die interaktive Spielerkarriere, die mit der Wahl des Namens und der Rückennummer beginnt. Vorbei an Lerntafeln (Zwischen Schule und Training: „Die Basis für nachhaltige Erfolge schafft der VfL Wolfsburg seit Jahren im Juniorenbereich“ – lach!) geht es zur Pressekonferenz. Das Standardbild zeigt Hecking, Allofs und de Bruyne. Mit meiner eigenen Rückennummer und meinem Spielernamen bin ich nun via Fotomontage der neue Hoffnungsträger. De Bruynes Treue zum VfL hält nicht länger an als meine, wie sich einige Tage später herausstellen wird. Hecking und Allofs sind mittlerweile auch nicht mehr da.

Wir kommen in den Trainingsbereich, entpuppen uns am Kopfballpendel als ernstzunehmender Naldo-Kontrahent und prüfen unsere Skills beim Trittfrequenz-O-Meter. Keine zehn Minuten hier, schon läuft mir die Brühe den Rücken runter.

VfL Wolfsburg Schal

Schal von der Wolfsburger DFB-Pokal-Finalteilnahme aus dem Jahr 1995

Am Reaktionstester für Torwart-Titanen steht gerade noch der kleine Niklas aus der 3b. Er ist mit 43 ausgeschlagenen Buzzern knapp besser als Wölfi und deutlich schlechter als Marcel Schäfer, der wiederum eine deutlich bessere Reaktion vorweist als Diego Benaglio. Das verrät uns ein Bildschirm, der bei jeder Station Vergleichswerte zeigt und unsere Bestwerte speichert. Für die Dauer von einer Woche kann man diese im Internet abrufen.

Ein Dummie im Wolfsburg-Trikot führt uns in die Verletzungswelt des Fußballsports ein, zuvor klärt uns eine Tafel über bewusstes Essen darüber auf, dass es gar nicht zur Verletzung kommen muss. Mit dem VfL Wolfsburg hat das alles nur noch weit weg von indirekt zu tun, das muss das sein, was der Verein im Internet so beschreibt:

Der erste grün-weiße außerschulische Lernort nutzt dabei das Thema Fußball, um Schüler/innen mit Freude und kreativen Methoden für ausgewählte Bildungsinhalte zu begeistern. Die konkrete Ausrichtung der Inhalte orientiert sich an den Bedürfnissen der Lernenden sowie an den Anforderungen von Schulen und Schulfächern.

Wenn ich gewusst hätte, dass ich zum „interaktiven, handlungsorientieren und selbstständigem Lernen“ hier bin, wäre ich doch gar nicht da.

Über eine Treppe, die dem Spielertunnel nachempfunden ist, geht es vom Obergeschoss in den Keller der Wolfsburger Fußballwelt. Das Licht ist grün, der Pulsschlag dröhnt über die Lautsprecher: André Schürrle muss jedes Mal eine Gänsehaut haben, bevor er sich auf die Ersatzbank in der Volkswagen-Arena setzt. Natürlich ist er inzwischen auch nicht mehr beim VfL.

Der Tischkicker tangiert mich nicht, ich suche direkt das Elfmeter-Duell mit Diego Benaglio, der sich auf einer Leinwand vor mir breitmacht. Ich gucke ihn aus, mache den Panenka und lasse Benaglio nach links fliegen. Siehe da: Mit 116 Stundenkilometern chippe ich härter als Bundesligaprofi Marcel Schäfer schießt (104 km/h). Ob hier alles mit rechten Dingen zugeht?

Bei der Autogrammkarte und vor den Mikrofonen von TV und Radio funktioniert die Technik zuverlässiger. Ob dies beim Gesang der VfL-Lieder auch der Fall ist, kann ich nicht sagen: Der Fremdgang hat an dieser Stelle seine Grenze erreicht.

Nicht für Klaus Allofs und Pierre Littbarski. Die haben mir zwischenzeitlich an der Taktiktafel die Tücken verschiedener Formationen erklärt. Da sind sie, meine Helden des 1. FC Köln. Sie haben Trikot und Hose gegen Anzug und Krawatte ausgetauscht. Sie tragen das falsche Wappen auf der Brust.  In ihrer neuen Heimat ist eine Fußballwelt entstanden, die zeitgemäßer ist als ein herkömmliches Museum. Tatsächlich lassen sich in Wolfsburg Bildungsinhalte erschließen, für junge Menschen bietet sich hier eine ganze Menge.

Einen Tag später wird der VfL Wolfsburg gegen die Bayern den Supercup gewinnen. Keine zwei Jahre später muss man zum ersten Mal in die Relegation, ein Jahr darauf kommt der VfL gerade so gegen Holstein Kiel durch. Naldo und Benaglio sind schon längst nicht mehr da. Sie haben mit ihren Titeln Geschichte geschrieben, die in der Fußballwelt ihren Platz finden sollte.

Anschrift: Allerpark 1, 38448 Wolfsburg

Internet: http://www.vfl-fussballwelt.de ➚

Fußballwelt des VfL Wolfsburg

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