Wer das Millerntor noch einmal atmen möchte, der sollte sich den gleichnamigen Bildband von Susanne Katzenberg und Olaf Tamm besorgen. Selten wurde der Charme des Maroden so treffend dokumentiert wie in diesem Kunstwerk, das die alte Bude einfach wieder aus dem Boden stampft. Stahlrohrtribünen, mit Aufklebern zugepflasterte Türen und Containerdörfer – das Buch liest sich wie ein Skript von der Fakultät der Sozialromantiker.

Unweit der Reeperbahn sind viele fußballkulturelle Facetten entstanden, die irgendwann von anderen Vereinen übernommen wurden und die dem modernen Fußball eine Pseudokultur verpasst haben. Das Lied „You’ll never walk alone“ wurde in Deutschland zuerst auf St. Pauli gesungen. Fans und Spieler klatschen sich zuerst am Millerntor ab. Der „Millerntor Roar“ war (wohl) das erste Fanzine in deutschen Stadien.

FC St. Pauli Anzeigetafel

Die Nachbildung der Anzeigetafel des FC St. Pauli

Trotz all dieser tradierten Merkmale steht das Stadion erst seit 1961 an dieser Stelle, vorher war der FC St. Pauli rund fünf Gehminuten entfernt an der Ecke Glacischaussee/Budapester Straße zuhause. Bundesliga-Fußball gab es erstmals in der Saison 1977/78 zu sehen, allerdings nur an fünf Spieltagen. Für die anderen Partien zog der FC St. Pauli ins Volksparkstadion um. Die Entwicklung zum Kult-Club fand aber erst beim zweiten Aufstieg im Jahr 1988 statt. Namen wie Volker Ippig, Klaus Thomforde, André Trulsen oder Dirk Zander sorgten für eine Stadionauslastung von 107% (da man das Heimspiel gegen den HSV im Volkspark austrug), der amtierende DFB-Pokalsieger HSV hatte in dieser Saison weniger Zuschauer als der Kiezclub. Die Litanei großer Spiele am Millerntor ist endlos. Das 2:1 gegen Weltpokalsieger FC Bayern aus dem Jahr 2003 bleibt aber wohl das markanteste.

Da sich der Sankt Paulianer nicht von dieser Vergangenheit trennen kann, hebt er alles auf. Auf dem Heiligengeistfeld findet man heute noch die alten Kabinen für die Presse, die mit Einführung von Sky-Vorgänger „Premiere“ aus Platzmangel einfach aufs Dach der Gegengerade gepackt wurden. Sie stehen jetzt vor dem Stadion – Verwendungszweck unbestimmt. Auch die alte Anzeigetafel hat einen Platz gefunden und hängt in unmittelbarer Nähe der Spielerkabinen.

Von 1970 bis 1998 hieß das Stadion »Wilhelm Koch-Stadion«. Der Name wurde unter anderem deshalb geändert, weil Wilhelm Koch seit 1937 Mitglied der NSDAP war.

Eigene Highlights hat das neue Millerntor aber auch zu bieten. Die Blumenkästen der „Oldtras“ sollen der tristen Haupttribüne etwas Farbe verleihen und erlangten durch Funk und Fernsehen überregionale Bekanntheit. Die Außenfassade der Südtribüne symbolisiert in ihrem Stil die drei Türme des Hamburger Stadtwappens. Das Fassungsvermögen ist auf 29 999 beschränkt, da man ab 30 000 Besuchern zu einer Tiefgarage verpflichtet ist. Die Besonderheit, dass es mehr Steh- als Sitzplätze gibt, wurde beibehalten. Und die Logen heißen hier Separees.

Dennoch sind es eben Logen und aller Bemühungen zum Trotz ähnelt ein neuer Tempel irgendwie doch dem nächsten. Auch wenn es nicht das 1989 vom Architekt Heinz Weisener präferierte Hallenstadion „Sport-Dome“ wurde, Schweiß und Tränen wie die aus dem Bildband wird es am neuen Millerntor so nicht mehr geben, dafür suhlt sich St. Pauli zu sehr im Kommerz. Der Totenkopf taugt zum Merchandisingmagneten und braun trägt jeder, der anders sein will, es aber nicht (mehr) ist – die hippe breite Masse macht den Klub einfach zu einem von vielen. Dass Altpunk „Doc Mabuse“, der den Totenkopf in den 80ern etabliert hat, mittlerweile Altona 93 supportet, spricht für sich. Ihr Alleinstellungsmerkmal haben die Hamburger mit der Zeit verloren – da passt dieses schöne Stadion gut ins Bild. Es ist eben wie alle anderen auch. Niemand wird einen Bildband darüber veröffentlichen.

Anschrift: Harald-Stender-Platz 1, 20359 Hamburg

Internet: https://www.fcstpauli.com/verein/millerntor-stadion ➚

Millerntor FC St. Pauli

Millerntor FC St. Pauli

Millerntor FC St. Pauli

Millerntor FC St. Pauli