Bereits das Grundschulleben in den 1980er-Jahren war vom Marken- und Konkurrenzdenken geprägt: Playmobil gegen Lego, Amiga gegen PC, Rennrad gegen Mountainbike oder der Schulranzen-Krieg zwischen Scout und Amigo. In der Begründungsschlacht, welcher Ranzen der bessere sei, hatten die Amigo-Träger ein obskures und zugleich totschlagendes Argument: In einem Versuch wäre ein Panzer über den Amigo gefahren und der Ranzen hätte danach genauso ausgesehen wie vorher. Man kann sich das gut vorstellen, im Mai 1945 stand die Rote Armee vor Berlin und  es gab für die Wehrmacht noch zwei Aufträge: Berlin halten und über einen Amigo-Ranzen fahren.

Kriegsähnliche Züge nahm in der Vergangenheit auch das Verhältnis zwischen Puma und Adidas an. Eine Wahl, die meist durch den Lieblingsverein bestimmt wurde. Und weil der 1. FC Köln gegen Ende der 80er-Jahre bei Puma unter Vertrag stand, habe ich mit Stolz meine Puma TKKG-Schuhe getragen. Die Trikots, die ich als Kind mit viel Detailtreue und noch mehr Filzstiften auf dem Papier entwarf, trugen allesamt das Puma-Symbol. Dass der 1. FC Köln bis 1985 in Adidas auflief, war mir nicht bekannt.

Wie viel Prestige hinter dieser Geschichte zwischen Puma und Adidas steckt, konnte man bereits als Kind erahnen. Ein Krieg ohne Waffen, über den man in einer Zeit ohne Internet wenig in Erfahrung bringen konnte. Und so sehnte ich im September 2005 Barbara Smits Publikation „Drei Streifen gegen Puma“ entgegen, der ersten umfassenden Aufarbeitung der Fehde. Fast zehn Jahre später lief die deutsche Fassung von Bo Travails „Dassler contre Dassler“ unter dem Titel „Rivalen: Adidas und Puma“ im deutschen Fernsehen. RTL griff das Thema 2016 wieder auf und zeigte an einem Themenabend einen (etwas reißerischen) Film und eine Dokumentation.

Adolf (1900) und Rudolf Dassler (1898) wuchsen in Herzogenaurach auf, einer Stadt, die vom Schusterhandwerk geprägt war. Ihr Vater Christoph war ein Schuhmacher, trotzdem sollten die Brüder andere Berufe erlernen. Adolfs Drang nach der Entwicklung von Schuhen tat das keinen Abbruch. Er übernahm 1920 die Schuhfabrik des Vaters (der bis dahin Filzpantoffeln hergestellt hatte) und spezialisierte sich auf Turnschuhe. Vier Jahre später stieg Rudolf in die Firma ein, die fortan den Namen „Gebrüder Dassler Schuhfabrik“ tragen sollte. Adi war der Tüftler, der die Sportschuhe entwickelte, Rudolf besaß das Verkaufstalent, um sie an den Mann zu bringen. Ein geniales Duo, das für den wirtschaftlichen Erfolg auch die Parteimitgliedschaft in der NSDAP nicht scheute.

Mit Adis Heirat im Jahr 1934 änderte sich das gute Verhältnis der Brüder. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es so schlecht, dass sich die Gebrüder Dassler gegenseitig schriftlich verpflichten mussten, im Todesfall für die Angehörigen der jeweils anderen Familie zu sorgen. Der Wortlaut dieser Erklärung lässt erkennen, wie verhärtet die Fronten bereits Jahre vor der Trennung waren. Es gibt das Gerücht, dass Rudolf ein Verhältnis mit Adis Frau Käthe hatte, was im engeren Familien- und Bekanntenkreis bis heute vehement bestritten wird. Diese Theorie ist allein deshalb fragwürdig, weil sich Käthe und Rudolf nicht mochten und die gleichen Interessen vertraten: Rudolf sah seine Söhne Armin und Gerd als Erben an, Käthe brachte diese Reihenfolge in Gefahr.

Für den endgültigen Bruch sorgte Rudolfs Zeit im Gefangenenlager Hammelburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Rudolf interniert, die Amerikaner sollen ihm gesagt haben, dass er von seinem familiären Umfeld denunziert worden sei. Der Verdacht, dass Adi hinter dem Verrat steckt, war für Rudolf evident. 1948 gaben die Gebrüder Dassler die Teilung des Unternehmens bekannt. Adi behielt die Firma und nannte sie „Adidas“, Rudolf begann neu und gab ihr in Anlehnung an seinen früheren Spitznamen den Namen „Puma“.

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Rudolf Dassler

Die Stadt Herzogenaurach war fortan zweigeteilt, ein kleines Berlin mit dem Fluss Aurach als natürlicher Grenze. Linksseitig des Flusses fand man den Adidas-Sektor mit einem Adidas-Metzger und Adidas-Gasthäusern, rechtsseitig kauften die Puma-Mitarbeiter ein. Adidas unterstützte den ASV Herzogenaurach, Puma den FC Herzogenaurach. Herzogenaurach wurde zur „Stadt des gesenkten Blickes“: Man schaute, ob der Gegenüber den Formstrip oder die drei Streifen trug. Es entwickelte sich ein jahrzehntelanger Krieg mit einer Fülle von Geschichten: Als Sepp Herberger 1 000 Euro im Monat für das Tragen der Puma-Ausrüstung forderte, setzte ihn sein Freund Rudolf Dassler vor die Tür. Herberger fuhr daraufhin weiter zu Adi, der die Summe zahlte. Seither ist Adidas Sponsor der Deutschen Fußballnationalmannschaft. Der Sprinter Armin Hary holte bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom die Goldmedaille in Puma, stand aber später mit Adidas-Schuhen auf dem Siegerpodest. Während die Nationalmannschaft der Niederlande Adidas trug, war Johan Cruyff ein Puma. Für ihn musste Adidas eigens ein Nationaltrikot mit zwei statt der typischen drei Streifen anfertigen.

Obwohl die von Zeitzeugen als sparsam beschriebenen Adi und Rudolf von dem Gedanken beseelt waren, dass Sport frei von Geld sein muss, ebneten sie mit solchen Geschichten den Weg für den heutigen Kommerz im Sport – und dieser Weg wurde in erstaunlicher Beharrlichkeit in beiden Familien fortgesetzt. Adis Sohn Horst baute Adidas Frankreich auf und gründete später Firmen zur Vergabe von WM-Rechten. Er gilt als „der Erfinder der modernen Sportkorruption“ (Die Zeit), Sepp Blatter war einer seiner Zöglinge. Rudolfs Sohn Armin hielt beim Wettbieten um Sportpersönlichkeiten mit und investierte Unsummen in Stars wie Eusebio, Pele oder Boris Becker. Der Deal mit Becker hat Puma an den Rand des finanziellen Ruins getrieben.

Das erste Tor der deutschen Nachkriegsgeschichte erzielte Herbert Burdenski 1950 in Schraubstollenschuhen von Puma – vier Jahre, bevor Adi Dassler den Schraubstollen bei der WM 1954 einsetze.

Innerhalb der Familien bekriegten sich die Dasslers selbst: Rudolfs Söhne Armin und Gerd landeten vor Gericht, zwischen Horst Dasslers Adidas Frankreich und Adidas Deutschland herrschte zeitweise eine größere Konkurrenz als zwischen Adidas und Puma.

Dabei übersahen Puma und Adidas, dass sich der größte Gegenspieler nicht diesseits der Aurach befindet, sondern in den USA. Philip Knight beschrieb bereits 1964 in seiner Diplom-Arbeit, wie man die beiden Weltmarktführer aus Herzogenaurach knacken kann. Mit Nike setzte er seine Erkenntnisse um, berücksichtige den Freizeit-Sportler und ließ in Asien produzieren. Als Nike 1989 zum weltweit führenden Sportartikelhersteller aufstieg, ruhten Rudolf und Adi bereits seit über zehn Jahren auf verschiedenen Seiten des Herzogenauracher Friedhofs. Eine Versöhnung zwischen den beiden Brüdern hat es nie gegeben, zwischen Adidas und Puma dagegen schon: Am Weltfriedenstag 2009 reichten sich beide die Hand und spielten in einer gemeinsamen Mannschaft Fußball gegen ein Team von Pressevertretern. Puma galt zwischenzeitlich als Billigmarke und ging wie Adidas durch verschiedene Hände. Familienbetriebe sind sie schon lange nicht mehr, der Hauptsitz in Herzogenaurach ist geblieben. An Nikes Vorherrschaft hat sich seit 1989 nichts geändert.

Anschrift: Puma, Puma way 1, 91074 Herzogenaurach | Adidas, Olympiaring 3, 91074 Herzogenaurach

Puma Adidas