Wikipedia ist wieder online und verrät mir, dass ein Blog ja eigentlich eine

tagebuchartig geführte, öffentlich zugängliche Webseite, die ständig um Kommentare oder Notizen zu einem bestimmten Thema ergänzt wird

sei. Den Aspekt des Tagebuchs möchte ich an dieser Stelle aufgreifen und ein Kurz-Tagebuch zum 11mm-Filmfestival schreiben. Kurz, weil wir morgen schon wieder abreisen müssen.

Freitag, 22. März

Ratzfatz ist man wieder 12 Jahre alt (gleiches Gewicht, nur 30cm größer), wenn man einen Satz mit „Um 15:50 Uhr fuhr unser Zug in Richtung Hauptstadt ab“ eröffnen möchte. Die Klassenfahrts-Tagebücher hatten keine ironische, sondern eine zwanghafte Note. Und zwischen Zwang und Ironie bewegte sich auch die erste Darbietung am gestrigen „Abend der Fußballkulturhauptstadt“ – und damit meine ich nicht die Eröffnungsrede von Reinhard Grindel. Zwei Schauspieler griffen fußballaffine Szenen aus dem Alltag auf (z. B. der Toilettengang im Stadion), die durch Zuschauermeinungen beeinflusst wurden – das klassische Improtheater also. Es folgten gute Beiträge – Auszüge aus einem Buch über Photographien, das alte Aufnahmen von Hobby-Fußballern in besonderen Szenen  zeigt – und Beiträge, die unseren Nerv nicht getroffen haben – zum Beispiel Jan Böttcher an der Gitarre. Weltklasse war der kurzweilige Literaturunterricht am Beispiel eines unterklassigen englischen Fußballspiels. Kurzweilig war der „Abend der Fußballkulturhauptstadt“ aber leider nicht immer, die Gespräche waren oft zu lang, als es zeitlich eng wurde, kamen andere Themen zu kurz. Vielleicht wäre der Film über Bobby Robson zum Einstieg ins Festivaljahr 2019 die bessere Wahl gewesen.

Unser Filmdebüt feierten wir demnach erst um 23 Uhr mit dem tschechischen Dokumentarfilm „Stadion“. Der FC Zbrojovka Brno verlor um die Jahrtausendwende sein Stadion und damit die Seele des Vereins. „Wir sind ein Verein ohne Erfolge, unsere Identifikation war immer das Stadion, nie irgendwelche Titel“, erklärten die Protagonisten im Anschlussgespräch. Also machten sich die Fans auf, betonierten, strichen, häckselten, um das Stadion für das Abschiedsspiel eines verdienten (und im Film etwas zu gottgleich dargestellten) Spielers fit zu machen. Ein schöner Start in das diesjährige Filmprogramm, ein klassischer 11mm-Beitrag.

Mit „HolsteinHerz“ geht es heute weiter, freuen uns aber insbesondere auf die Podiumsdiskussion mit Max-Jacob Ost. Den durften wir gestern endlich kennenlernen, genau das ist ja immer so toll am 11mm- Filmfestival: Die vielen gleichgesinnten  und sentimentalen Fußball-Romantiker.

Daher ist die Freude auf den heutigen Tag groß, denn wenn wir ehrlich sind: Es gibt noch Luft nach oben.

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Samstag, 23. März

Erst seit dem 11mm-Filmfestival sitzen wir wieder samstags um 14 Uhr im Kino, wenn dann Filme wie „HolsteinHerz“ gezeigt werden, lohnt sich das auch. Grundlage des Films ist der Nachlass eines Holstein-Fans, der nahtlos alles über die Kieler Störche sammelte. Der Bogen zur erfolgreichen Relegationssaison 2017/18 ließ sich auf Grundlage des Materials gut spannen, auch wenn es kein Happy End gab und die 1. Bundesliga weiter ein Traum bleibt. Ein herrlicher Film für Nostalgiker, egal ob sie es mit Holstein halten oder nicht.

Ohne Pause ging es direkt weiter in Saal 1 und zur Eintracht aus Frankfurt. Die Anhänger der Hessen leben gerade den Traum aller Fans von Traditionsmannschaften: Spiele auf internationaler Bühne gegen Mannschaften aus Lissabon oder Mailand, dazu ein Titel, ein richtiger Titel. Dass Pokalsiege heute in Filmen festgehalten werden, gehört auch zum modernen Fußball. Für die Fans der Eintracht ist das großartig und eine Quelle zahlreicher Gänsehaut-Momente. Für uns war der Film eine Spur drüber. Bruce Willis-Stimme Manfred Lehmann als Sprecher, eine Kooperation mit Warner Brothers und ein Peter Fischer, den wir aufgrund seiner klaren Haltung (u.a. gegen die AfD) eigentlich sehr schätzen,  der mit seiner Gestik und Rhetorik aber eher wie ein christlicher Bühnenredner im frühen Sonntagsprogramm von Sport 1 daherkommt. Die Rolle der Fans wird im Film stets betont, das Hochglanzprodukt bereichern dürfen sie nicht. Wir glauben, dass da mehr drin gewesen wäre.

Das denken wir auch von der Podiumsdiskussion, die im Oval stattfand. Die Gäste waren toll, Katharina Dahme aus dem Aufsichtsrat von Babelsberg hat klare Haltungen und Positionen, Marvin Ronsdorf spricht über Dinge, von denen wir gar nichts verstehen (E-Sport), vom Rasenfunker Max-Jacob Ost sind wir eh angetan. Das Thema – ob Fußball-Kultur nur etwas für alte, sentimentale Säcke sei – war vermutlich zu groß, um es zufriedenstellend klären zu können. Das war vorher allen bewusst, aber die Diskussion lief etwas aus dem Ruder, als sie für das Plenum geöffnet wurde.

Die Engländer wissen, wie es geht. Das sagte schon Alex Raack in unserem Vorbericht und sprach von der Fähigkeit, gute Fußballfilme zu liefern. Mit „89“ hat das wieder einmal bestens geklappt, ein Film, der die Meisterschaft Arsenals im Kontext der Hillsborough-Katastrophe zeigt. Der ist zu gut, um darüber zu schreiben, den muss man sehen.

Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Oder wenn es die Umstände erfordern. Heute geht es wieder zurück. Gerne hätten wir noch weitere Filme gesehen, gerne hätten wir die Service-Kräfte im Cafe Sauer gegenüber des Babylons auch mal freundlich erlebt, aber manche Dinge bleiben einfach, wie sie sind. Das 11mm-Filmfestival war einmal mehr groß, für die, die es noch bis zum Montag erleben dürfen, wird es das auch bleiben.