Hannover 96 ist mir schon immer suspekt. Der Beiname „die Roten“ will sich mir nicht so recht erschließen, wenn ich das Wappen mit der schwarzen Sechsundneunzig in dem grünen Kreis sehe. Um es in Kolorierungen auszudrücken: Wenn die Bundesliga eine neue graue Maus für den verschollenen MSV Duisburg nominieren müsste, wäre Hannover zwischen dem FC Augsburg und Hertha BSC Berlin ein anerkannter Kandidat.

In Berlin-Kreuzberg wird man das anders sehen, zumindest in der Hobrechtstraße 39. Hier wird nicht etwa die Stimme für die Hertha erhoben; es ist eine Gruppe Exil-Hannoveraner, die sich im lebendigsten Stadtteil Berlins eine neue Heimat geschaffen hat – „Hannoveraner(innen) zwischen 20 und 40, die es meist durch Studium oder Beruf in den fernen Osten verschlagen hat“, wie die eigene Vereinsseite aufklärt.

Vereinsseite? Vereinsseite! Das rote Berlin ist als eingetragener Verein organisiert, „vor allem, weil wir ein gemeinsames Projekt haben“, wie es weiter heißt: Das Niedersachsenstadion ist eine Kneipe, die keine ist und „der Versuch, eine hannoversche Parallelwelt in Berlin zu schaffen“.  „Neue Presse“ und „HAZ“ statt dem „Tagesspiegel“, „Herrenhäuser“ statt „Berliner Pilsner“ und eben 96 statt der Hertha. So sieht das Leben in der Hobrechtstraße aus.

Ein »Bund der Heimatvertriebenen« (…).

»11 Freunde« im Oktober 2004

Hinter dem Konzept stehen keine kommerziellen Interessen. Der Laden wird als Vereinsheim geführt und trägt sich durch die Mitgliedsbeiträge. Vollmitgliedschaften sind möglich, aber auch Probemitgliedschaften, wenn man nur mal einen Samstag des Kindes Kinder in rot-grün-schwarz-weißer Atmosphäre genießen möchte.

Doch ein Selbstläufer ist das nicht. „Unsere Räumlichkeiten sind leider begrenzt. Daher können wir jeweils nur eine begrenzte Anzahl an Fördermitgliedern reinlassen“, klärt dasroteberlin.de ➚ auf. Also auf Nummer sicher gehen und voll zahlen – was sich lohnt, schließlich wird man damit zum Thekendienstleister und zur Putzkraft befördert.

Bereits seit September 2002 gibt es den Verein, der sich „die ideelle Förderung des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V. und die Förderung des Hannoverschen Brauchtums in Berlin“ in die Satzung geschrieben hat. Das Niedersachsenstadion wurde im Oktober 2004 eröffnet, eine aufregende Geschichte aus Premiere-Verträgen, HAZ-Abos und Dauerfahrten nach Hannover, um den Bierbestand am Laufen zu halten.

Ebenso spannend ist die Geschichte, wie Hannover 96 trotz schwarz-grüner Vereinsfarben zu den „Roten“ wurde – doch leider tappt man dabei im Dunkeln. Bereits 2010 ging der Club mit dem ehemaligen Archivar Hans Heinrich Kellner auf Spurensuche, checkte verschiedene Fan-Thesen und musste diese immer wieder falsifizieren, andere sind bis heute nicht beweisbar. Selbst die Frage, wann Hannover das erste Mal in roten Trikots auflief, lässt sich bis heute nicht zu einhundert Prozent sagen.

Anschrift: Hobrechtstraße 39, 12047 Berlin

Internet: http://www.dasroteberlin.de ➚

Das rote Berlin