Manche Städte würde man vermutlich gar nicht kennen, wenn sie nicht durch den Fußball auf die Landkarte gerückt wären. Hoffenheim ist als Stadtteil Sinsheims mit gerade knapp über 3 000 Einwohnern das Paradebeispiel. In Aue im Erzgebirge wohnen zwar noch mal 15 000 Menschen plus, aber auch 18 000 Einwohner sind nicht gerade viel für eine etablierte Stadt im Profifußball. Auch Unterhaching (21 000) wäre vermutlich weniger bekannt, wenn Michael Ballack dort nicht mit einem Eigentor für Tränen bei Christoph Daum gesorgt hätte.

Wie Unterhaching als Synonym für Leverkusens Vizemeisterschaft steht, stand das 33 000-Einwohner-Metropölchen Meppen jahrelang für klassischen Zweitligafußball. Von 1987 an hielt sich eine überwiegend regionale Auswahl aus dem Emsland (19 von 22 Spielern der Aufstiegsmannschaft kamen aus der Umgebung) elf Jahre im Unterhaus. Das beschert ihr als einziger Stadt ohne konkrete Anlaufstelle wie Stadion oder Rathausbalkon einen Platz bei den „99 Orten, die Fußballfans gesehen haben müssen“.

Und auch wenn Bill Shankly im übertragenen Sinne recht hat, hängen Leben und Tod nicht vom Fußball ab, dachte ich. Dann kam der SV Meppen.

Tobias Ahrens (»11 Freunde«)

Bevor man die Bühne Profifußball betrat, machte der Oberligist allein durch spektakuläre Freundschaftsspiele auf sich aufmerksam. Die besten europäischen Mannschaften holte man an die holländische Grenze, 1972 war es Ajax Amsterdam, 1982 war der FC Barcelona zu Gast. Diego Maradona bestritt in Meppen sein erstes Spiel auf europäischem Boden, ein Foto davon hängt heute noch im Sportgeschäft des damaligen Außenverteidigers Peter Höfer.

Schalke 04 beim SV Meppen

Und dann mussten sie doch nach Meppen: Zwischen 1988 und 1991 spielten Schalke 04 und der SV Meppen sechs Mal gegeneinander. Toni Schumacher war allerdings nicht dabei, der frühere Nationaltorhüter wechselte nach dem Schalker Abstieg in die Türkei

Um Berufsfußballer zu sehen, musste man sich in der 2. Bundesliga auf Gegner wie Schalke, Hannover oder Düsseldorf freuen. Beim SV Meppen spielte man für 1100 Mark Grundgehalt im Monat, die „Gummistiefelfußballer“ gingen weiter ihren geregelten Berufen nach. Trainiert wurde immer erst nachmittags ab vier. Der Kicker sprach von „Feierabendprofis aus dem Emsland“, Exoten wie der finnische Nationalspieler Marko Myyry – bis heute der einzige Bundesliga-Spieler mit mehr als zwei Vokalen im Nachnamen – oder der in Hamburg ausgemusterte Paul Caliguri waren die Ausnahme, so wie die gesamte Meppener Zeit in der zweiten Liga irgendwie eine Besonderheit war. „Elf Jahre Ausnahmezustand“ hat auch SV-Legende Josef Menke verbucht, wenn er über Meppens fußballerische Prunkzeit spricht, „die schönsten Jahre meines Lebens“, wie der heutige Ehrenvorsitzende Wolfgang Gersmann meint. Eine Zeit, die man mit bunten Torwart-Trikots und proppevollen Stadien bei Aufstiegsspielen verbindet. Sicherheitsbedenken und übertriebene Polizeieinsätze gab es noch nicht, als Menschen in Bäume kletterten, um regionalen Jahrhundertspielen beizuwohnen.

Wenn das Fernsehen aus dem neuen Zweitligastandort berichtete, dann kam garantiert ein Landwirt auf seinem Traktor zu Wort.

»11 Freunde« über die Berichterstattung in Meppen zu Zweitligazeiten

In Meppen blieben zahlreiche Anekdoten haften. Zum Beispiel die, dass man im Testspiel gegen Barcelona mit den ausgewaschenen Vorjahrestrikots auflief, damit die Spieler nicht den neuen Satz tauschten. Oder die Vertragsunterzeichnungen auf der Hochzeit von Angreifer Dietmar Sulmann, weil man vom Aufstieg in die zweite Liga überrumpelt wurde. Und die Aktion vom Meppener Spediteur Többe, der einen Sattelschlepper mit der Aufschrift „Das Fußballerlebnis SV Meppen 2. Bundesliga“ vor Toni Schumachers Haus parkte. Schumacher ließ sich zu dem Ausspruch „Ich spiel doch nicht in Meppen!“ hinreißen, als sein Arbeitgeber Schalke 04 um den Klassenerhalt in der ersten Liga bangte.

Toni Schumacher ging, denn Schalke erwischte es tatsächlich – und Meppen irgendwann auch. Man lebte stets sparsam, an Bernd Schneider war man dran, der war aber mit 600 000 Mark Ablöse zu teuer. Auch Michael Ballack stand auf der Liste, man setzte stattdessen aber lieber auf die eigene Jugend. Mancher Leverkusener wird sich wünschen, man hätte damals in Meppen anders gedacht.

Anschrift: Lathener Straße 15a, 49716 Meppen

Internet: http://www.svmeppen.de ➚

Schreckgespenst Fußballstadt Meppen

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