„Weihnachten 1989“ steht in meinem Fußball-Lexikon. Als Kind habe ich jedem Buch eine Widmung mit Name, Datum und dem Anlass gegeben, zu dem ich es geschenkt bekommen habe. Mit dem Buch und meinen Torwarthandschuhen, dem anderen Geschenk, saß ich die gesamten Feiertage auf unserem alten Sofa, das so grün war, dass es sämtliche Sinnesorgane überstrapazierte.

Wie ein Nachschlagewerk habe ich das „Fußball A bis Z“ aus dem Verlag Schneider nie behandelt, eher wie einen Roman. Das nationale Wissen über die Bundesliga-Profis kannte ich aus dem Panini-Album und der Bibel, dem Kicker-Sonderheft. Dass das größte Stadion der Welt über 200 000 Plätze fassen sollte, war für mich Neuland und unfassbar. Dass es in Deutschland eins mit einem Fassungsvermögen von 100 000 gab, noch dazu in dem Teil des Landes, den mein Opa immer „Ostzone“ nannte, beeindruckte mich noch viel mehr. Als ich später, vermutlich durch die Bundesliga-Rückkehr des VfB Leipzig, die ersten Bilder des Stadions sah, bekam ich den Mund gar nicht mehr zu.

„Das Zentralstadion und seine Geschichte hätten ein eigenes Buch verdient“, urteilt auch Das große Buch der deutschen Fußballstadien. Im August 1956 wurde die heutige Red Bull-Arena als Stadion der Hunderttausend nach nur 16 Monaten(!) fertiggestellt. Es war das Sahnehäubchen eines acht Kilometer langen und anderthalb Kilometer breiten Sportgeländes, das Erich Honecker dazu veranlasst haben soll, über eine Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele nachzudenken.

Auch im Westen fand der Bau Bewunderung. In 40 Blöcke war das 100 000 Sitzplätze fassende Stadion eingeteilt, dessen Stadionwälle auf 1,5 Millionen Kubikmetern Trümmerschutt angelegt waren. Um vom Innenraum auf die Dammkrone zu gelangen, musste man 150 Stufen bewältigen.

Die Nationalmannschaft der DDR feierte hier 1957 ihre Premiere mit einem 2:1-Sieg über Wales, 44 weitere Spiele sollten bis 1989 folgen. Der Besucherrekord soll ebenfalls 1957 gegen die Tschechoslowakei gefallen sein, zu den 110 000 offiziellen Zuschauern sollen 10 000 weitere auf den Treppen und der Dammkrone gestanden haben.

Solche Kulissen kamen auch zu den Spielen Wismut Karl-Marx-Stadt gegen Kaiserlautern (Oktober 1956) und Rotation Leipzig gegen SC Lok Leipzig (September 1956). Der Nachfolgeverein, der 1. FC Lokomotive Leipzig, zog für seine „großen“ Partien vom Bruno Plache-Stadion ins Zentralstadion um und erlebte hier Partien wie das 1:2 im UEFA-Cup-Halbfinale gegen Tottenham oder das legendäre 6:5 nach Elfmeterschießen gegen Bordeaux (1987, Europapokal-Halbfinale). Den Namen Zentralstadion erhielt es durch seine zentrale Lage, ein Drittel der Leipziger Bürger konnte das Areal in weniger als einer halben Stunde erreichen.

Eintrittskarte zum Länderspiel DDR gegen England vom 29. Mai 1974

Nach der Wende konnte das Stadion nicht mehr den erhöhten Sicherheitsansprüchen des DFB genügen. Die Kapazität wurde immer weiter beschränkt, was angesichts des geringen Zuschauerinteresses bei den Spielen des VfB Leipzig eigentlich nicht von Nöten war. Im Schnitt kamen nur 11 000 Besucher zu den Bundesliga-Partien des ersten deutschen Meisters.

Zur Jahrtausendwende entschied sich die Stadt Leipzig für einen 90 Millionen teuren Umbau an gleicher Stelle, der einem Neubau gleicht. Die neue Arena, die 45 000 Zuschauer Platz bietet, wurde 2004 eröffnet und steht im begrünten Wall des alten Stadions. Einige alte Sitzbänke lassen heute noch erahnen, wie weitläufig das Zentralstadion war. Daneben ist auch noch das monumentale Hauptgebäude an der Ostseite erhalten geblieben, es bietet einen imposanten Anblick, wenn man an der Friedrich Ebert-Straße entlang fährt.

Mit ihrer geschwungenen Dachkonstruktion ist die Red Bull-Arena ein Schmuckkästchen, so wie die meisten neugebauten oder überholten Arenen des Landes auch. Mehr aber auch nicht. Ein schönes Stadion, das in die alten Gefilden seines Vorgängers passt, aber in kein Lexikon.

Foto: Onkel Ans / pixelio.de

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