Wenn früher nach dem Karriereherbst der Winter einzog, wurde die Tankstelle für viele Fußballer zum typischen Geschäftsfeld. Weltmeister Ottmar Walter warb mit dem Slogan „Willst du unserem Ottmar danken, musst du fleißig bei ihm tanken“, auch sein Kölner Kollege Hans Schäfer stand später an der Zapfsäule. Dass beim 80er-Jahre-Klassiker „Manni der Libero“ Vater Sten Bessauer mit seiner Tankstelle pleiteging, war also mehr als ein Klischee.

Ein 74er-Weltmeister zog einen anderen Berufszweig vor und übernahm einen Schreibwarenladen. Und das, obwohl er sich selbst als „mundfaul“ bezeichnete, den täglichen Kundenkontakt dennoch „mit Freude“ ausführte (br.de). Die Reise führt nach München zum Schreibwarenladen Nitzinger. Wer dahinter einen Bankdrücker vermutet, weil man bei der WM 1974 doch eher an Beckenbauer, Breitner oder Müller als an Nitzinger denkt, der muss wissen, dass Hans-Georg Schwarzenbeck den Laden seiner Tanten übernahm – und mit ihm den Namen des Geschäfts. Dass Schwarzenbeck bei der Aufzählung der Weltmeistermannschaft dennoch nicht an erster oder zweiter Stelle genannt wird, hat mit seinem Wesen auf und neben dem Feld zu tun.

Ein niederländischer Reporter bezeichnete ihn einst als „halb Mensch, halb Stier“. Schwarzenbecks Stil war schnörkellos, meist hielt er als Vorstopper Franz Beckenbauer den Rücken frei, wie es in dieser Zeit oft der Fall war. Netzer hatte in Gladbach seinen Wimmer, Overath in Köln seinen Simmet und Beckenbauer hatte Schwarzenbeck.

Kugelschreiber Katsche Schwarzenbeck

Kugelschreiber zur WM 1974 mit dem Bild von „Katsche“ Schwarzenbeck

Mit 13 wechselte er von den Sportfreunden München zum FC Bayern, absolvierte dort von 1966 bis 1982 416 Bundesligaspiele und kam auf 70 Einsätze im Europapokal, den er vier Mal gewann. Schwarzenbeck wurde zudem mit Deutschland Welt- und Europameister. Wesentlichen Anteil hatte der 44-fache Nationalspieler am Gewinn des Landesmeisterpokals 1974, als er mit einem Gewaltschuss in der 120. Minute ein Nachholspiel erzwang, das der FC Bayern dann mit 4:0 gewinnen sollte. Dass Schwarzenbeck in jener Saison zehn Tore für die Bayern schoss, wird gerne vergessen.

„Ich war froh, dass ich nicht so im Fokus stand“, sagte Schwarzenbeck einst dem FC Bayern-Magazin. Die Bayern bestellten jahrelang ihre Büromaterialien bei Schwarzenbeck und hielten ihn so nach eigener Aussage „über Wasser“. Mit 60 Jahren war 2008 Schluss, Schwarzenbeck schloss die Schreibwarenhandlung, in der er jeden Tag von 6 bis 12 und 13 bis 18 Uhr stand.
Heute befindet sich in den Räumlichkeiten der Ohlmüllerstraße 9 in München-Au der Friseursalon Schreff. An den Schreibwarenladen eines Weltmeisters erinnert gar nichts mehr.

Anschrift: Ohlmüllerstraße 9, 81541 München

Georg Schwarzenbecks Kiosk