Mein Vater ist nicht ins Parkstadion gegangen. Für den war das Verrat.

Das letzte Spiel des FC Schalke in der Kampfbahn Glückauf war nicht nur für Olivier Kruschinskis Vater ein einschneidendes Erlebnis. Es war „der endgültige Abschied vom alten Schalke und von Traditionen, die mit Begriffen wie Knappen, Schalker Kreisel, Szepan und Kuzorra verbunden sind“, wie Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien schreibt. Es war der Abschied vom „Auf Schalke gehen“, einer „festen Redensart“, die „in etwa das [ist], was für den Bürger ein Theaterbesuch oder ein Opernabend ist“ (Sind doch nicht alles Beckenbauers).

Betrachtet man die sportlich eher biedere Zeit im Parkstadion, war der Abschied von der Glückauf-Kampfbahn auch der Abschied von erfolgreichen Zeiten. Seit der Eröffnung der Kampfbahn 1928 bis zum Umzug ins Parkstadion 1973 holte der FC Schalke sieben Deutsche Meisterschaften und zwei Pokalsiege, auch wenn der Verein nicht alle Endrundenpartien in der Glückauf-Kampfbahn austrug und auch in Bochum und im Stadion „Rote Erde“ spielte. Die Dortmunder Kampfbahn gehörte in den zwanziger Jahren zu den schönsten Sportstätten der Republik, Schalke hatte damals viele Anhänger in der verbotenen Stadt. Das lag einerseits daran, dass der BVB noch keine große Rolle spielte, andererseits war Schalke mit seinem Kreiselspiel, mit Szepan, Kuzorra und Tibulski und mit seiner Verbindung zur Arbeiterklasse über die Grenzen des Stadtteils hinaus identitätsstiftend – also genau mit den Begriffen, die Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien als Sinnbild des Fußballs in der Glückauf-Kampfbahn aufführt.

Der Name des Stadions ist auch eine Danksagung an die Zeche Consol, die neben dem Bauland auch Ingenieure, Architekten und Planer zur Verfügung stellte. Der Erfolg der Schalker Fußballer machte den Bau einer eigenen Anlage unumgänglich, man wollte „die Zuschauermassen kanalisieren und die Einnahmen maximieren“, wie es im Fußballreiseführer Schalke erleben heißt. Bereits drei Jahre nach der Einweihung wurde der Besucherrekord aufgestellt, als 70 000 Menschen das Testspiel gegen Fortuna Düsseldorf sahen – in einer Kampfbahn, die für 35 000 Zuschauer konzipiert wurde. Die 1936 gebaute Tribüne wurde (wie der Rest der Kampfbahn) im Krieg zerstört, die Wiedereröffnung fand ein Jahr nach Kriegsende im Juli 1946 statt. 1950 wurden die Kassenhäuschen gebaut, Kuzorra und Szepan im selben Jahr mit einem Spiel gegen Atletico Mineiro verabschiedet.

Der Nachbar aus Dortmund hatte sich inzwischen einen Namen gemacht und lockte im März 1950 60 000 Zuschauer in die Glückauf-Kampfbahn. Gefälschte Eintrittskarten sorgten für den Nachkriegs-Besucherrekord und hatten einen Toten zur Folge.

Beim ersten Schalker Bundesligaspiel im August 1963 hatte die Kampfbahn eine Kapazität von 45 000. Die verloren sich selten in das Rund, Schalkes Platzierungen hatten nichts mit denen alter Tage zu tun. Der zweite Rang in der Saison 1971/72 war da die Ausnahme, auch wenn den die vermeintlich beste Schalker Mannschaft aller Zeiten (u. a. mit Libuda, Fischer und Fichtel, übrigens allesamt Täter im Bundesliga-Skandal) errang. In der letzten Begegnung in der Kampfbahn Glückauf im Juni 1973 sicherte man mit einem 2:0 gegen den HSV gerade so den Klassenerhalt.

Danach folgte der Umzug ins Parkstadion, das heute in erster Linie glorifiziert wird, weil man es mit den Eurofightern und einer Meisterschaft verbindet, die nur vier Minuten dauerte. Ein Stadion, das aber eben in Erle stand und nicht in Schalke, ein Stadion, in das man nicht „auf Schalke gehen“ konnte.

Damit es wieder ein bisschen so wird wie zu den Zeiten von Kruschinskis Opa, bekommt die Kampfbahn Glückauf jetzt ihren historischen Eingang zurück. „Noch vor Weihnachten soll das Entree des unter Denkmalschutz stehenden Stadions, in dem der Mythos Schalke begründet wurde, wieder an ganz alte, glorreiche Zeiten erinnern“, schrieb der Reviersport im Oktober 2019. Es ist eins von vielen Projekten, um Schalke wieder nach Schalke zu holen.

Anschrift: Ernst-Kuzorra-Platz, 45881 Gelsenkirchen-Schalke

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